Nachhaltiger Konsum – Lippenbekenntnis oder Handlungsrelevanz?

Nachhaltigkeit ist in aller Munde, ein nachhaltiger Lebensstil das Maß aller Dinge. Schön wäre es, wenn alle Verbraucher beim täglichen Konsum auf Umweltaspekte achten würden und auch sozial sowie ökonomisch bewusst handeln würden. Ich muss mir da an meine eigene Nase fassen – es ginge immer noch viel nachhaltiger!

Inwieweit die Nachhaltigkeit Verbraucher tatsächlich beim Konsum bzw. beim Einkauf beeinflusst, hat eine Forschergruppe in einem gemeinsamen Projekt untersucht.

Nachhaltigkeitsbefragung im Praxistest

Die Forschungskooperation der Universität Potsdam, der HHL Leipzig Graduate School of Management, der Leibniz Universität Hannover, der Technischen Universität Braunschweig und des GfK Vereins hat die Praxistauglichkeit eines neu entwickelten Befragungsinstrumentes zur Erfassung nachhaltigen Konsumbewusstseins getestet, das von den vier Universitäten zuvor entwickelt worden war. Mit dem Instrument können anhand von grundlegenden Statements sämtliche Aspekte eines nachhaltigen Konsumbewusstseins identifiziert werden. Die 24 bzw. 12 Items umfassenden Bewertungs-Skala berücksichtigt die drei Säulen der Nachhaltigkeit: Ökonomie, Ökologie und Soziales.

Die drei Säulen der Nachhaltigkeit

Die Facetten des Bewusstsein für einen nachhaltigen Konsum setzen sich im Fragebogen wie folgt zusammen:

Umweltbewusster Konsum berücksichtigt zum Beispiel ressourcenschonende und/oder klimafreundlich hergestellte Produkte oder zeichnet sich u.a. durch die Bevorzugung von Produkten aus recyclingfähigen Materialien aus.

Sozial verträglich ist das eigene Konsumverhalten immer dann, wenn andere Menschen dadurch nicht ausgebeutet oder beschädigt werden. Eine faire und menschenwürdige Behandlung der am Produktionsprozess Beteiligten sind für sozial bewusste Konsumenten kaufrelevant.

Bei der ökonomischen Nachhaltigkeit des Konsums geht es um einen maßvollen, mit den eigenen finanziellen Ressourcen in Einklang gebrachten Konsum und um kollaborative Konsummuster wie (Food) Sharing oder das Leihen oder Mieten von Produkten als Alternative zum Besitz.

Die Studie

Bei Fragen zur Nachhaltigkeit antworten die meisten Verbraucher zustimmend. Ob ihre Aussagen auch auf das jeweilige Handeln schließen lassen, hat eine Studie im GfK Haushaltspanel für 10 ausgewählte Verbrauchsgüter des täglichen Bedarfs mithilfe des von den Universitäten entwickelten Messinstruments untersucht. Das Haushaltspanel der GfK (Gesellschaft für Konsumforschung) erfasst seit vielen Jahren die tatsächlichen Einkäufe von 30.000 repräsentativ ausgewählten Haushalten. Durch die Verknüpfung der Befragung mit dem GfK Panel können die Antworten der Befragten mit ihrem echten Einkaufsverhalten über mehrere (auch zurückliegende) Monate hinweg verglichen werden.

Für die Studie wurden nun Kaufentscheidungen in 10 Warengruppen untersucht, acht aus dem Bereich Lebensmittel und Getränke (Bananen, Eier, Fruchtsäfte, Joghurt, Milch, Kaffee, Eis und Schokolade), zwei aus dem Hygiene-Bereich (Haushaltsreiniger und Toilettenpapier).

Die Ergebnisse

Weil die Zustimmung zu ethisch-moralischen Standpunkten generell eher hoch ist, ist eine realistische wirtschaftliche Einschätzung von Nachhaltigkeitsaspekten oft schwierig. Statt der absoluten Antwort-Niveaus wurden daher die Terzile betrachtet. Das heißt, die Befragten wurden in drei Gruppen eingeteilt, die jeweils ein unterschiedlich hohes Maß an Umwelt- und Sozialbewusstsein aufwiesen, von sehr gering bis überdurchschnittlich hoch. Was sofort auffällt:  Die stark umweltbewussten Haushalte sind offensichtlich meist auch überdurchschnittlich sozialbewusst und umgekehrt, denn ihr Ausgabeverhalten erscheint recht ähnlich.

Anteile an Ausgaben

Rund 10 Prozent des Budgets der Umwelt- und Sozialbewussten für die 10 abgefragten Warengruppen entfällt auf Bio-Produkte, bei den Fairtrade-Produkten sind es jeweils über 3 Prozent. Die Ausgabenanteile für die unteren Drittel der Haushalte liegen im Vergleich weit darunter, allerdings unterscheiden sich die beiden gemäßigten Gruppen etwas voneinander. Während die mittelmäßig Umweltbewussten keine nennenswert höheren Ausgaben zeigen als die wenig Bewussten, ist es bei den Sozialbewussten differenzierter: Sie bilden nochmals eine deutlich eigene Kategorie, die mit ihren Ausgaben für Bio und Fairtrade zwischen der oberen und der unteren Gruppe liegt.

Was etwas nachdenklich stimmt: Die sehr umwelt- und sozialbewusste Konsumentengruppe wählt trotzdem nur zu einem geringen Prozentsatz Produkte mit Bio- oder Fairtrade-Qualität aus.

Produkte

Dass sich die Prozentsätze bei den verschiedenen Warengruppenso stark unterscheiden, zeigt außerdem, dass die Merkmale Bio und Fairtrade – auch für überdurchschnittlich nachhaltig bewusste Menschen – nur zwei von vielen Argumenten bei jeder Einkaufsentscheidung sind.

Vergleichsweise häufig werden Bananen aus fairem Handel gekauft, faires oder Bio-Eis landet dagegen noch sehr selten im Einkaufskorb. Das dürfte wohl an der mangelnden Verfügbarkeit in Supermärkten und Discountern liegen, die immer noch die häufigsten Einkaufsstätten sind. Eine Rolle spielt daneben auch der Preis, der bei den ausgewählten Produkten in Bio- und Fairtrade-Qualität deutlich höher ist als die konventionelle Alternative. Anders war es bei Haushaltsreiniger und Toilettenpapier, die beide günstig zu haben sind. Ein signifikanter Zusammenhang zwischen Umwelt- und Sozialbewusstsein und dem Entscheidungsverhalten zwischen ökologischen und konventionellen Hygiene-Produkten war hier jedenfalls nicht festzustellen.

Und was ist jetzt die Lösung?

Dass Bio- und Fairtrade-Produkte zu niedrigeren Preisen angeboten werden, ist sicher nicht die Lösung. Vielmehr sollten Verbraucher gute Lebensmittel wertschätzen und dafür auch einen gerechten Preis bezahlen. Das lässt sich aber nicht erzwingen, erst recht nicht, solange die Supermärkte mit billigen Produkten locken. Eine gute Idee ist es, mit ökologisch erzeugten Lebensmitteln gut zu wirtschaften, wie Rosa Wolff in ihrem zweiten Kochbuch mit dem Titel Arm aber Bio! zeigt:

0,25 € (pro Person) für ein leichtes Linsensüppchen bis 1,20 € für eine Kartoffel-Kichererbsen-Suppe; 0,55 € für Ravioli mit Tofu-Spinat-Füllung bis 1,80 € für Bandnudeln mit Auberginen und Ziegenkäse.

Ich find’s toll, aber ich kann mir denken, dass viele Menschen mit den Rezepttiteln so gar nichts anfangen können (und mit den Gerichten wahrscheinlich auch nicht). Da ist komplettes Umdenken gefragt. Und bis DAS so weit ist, dauert es wahrscheinlich noch ein paar Jahre…

 

Quelle: GfK-Verein – Nachhaltig Konsumieren – nur ein Lippenbekenntnis?

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Über Melanie Kirk-Mechtel (146 Artikel)
Diplom-Oecotrophologin mit Webaffinität, Fachjournalistin und PR-Redakteurin. Das Wörtchen "mela", das in Melanie steckt, heißt auf Italienisch übrigens "Apfel". Der grüne Apfel in meinem Header steht außerdem für meine beiden Kernthemen Ernährung & Nachhaltigkeit. Wenn Sie Unterstützung im Bereich Kommunikation benötigen, freue ich mich auf Ihre Nachricht!

2 Kommentare zu Nachhaltiger Konsum – Lippenbekenntnis oder Handlungsrelevanz?

  1. Hallo Melanie,

    Nachhaltigkeit ist tatsächlich in aller Munde … und auch mit den unterschiedlichsten Bedeutungen hinterlegt.
    Eine Bank findet z.B. hinter ökonomischer Nachhaltigkeit sicher ganz andere Schwerpunkte als ein Konsument, der sich über Bio-Lebensmittel oder Fairtrade T-Shirts Gedanken macht.

    Dennoch denke ich, dass genau die 3 Säulen die Du genannt hast, immer noch den Kern ausmachen, wie Nachhaltigkeit zu verstehen ist. Missbräuchliche Verwendungen dürfen uns dabei nicht ausbremsen.

    Ich habe für das Wort „Nachhaltigkeit“ mal einen anderen Begriff gelesen: „Enkelgerecht“.
    Und das trifft es vielleicht ganz gut. Nachhaltiges Handeln ist jenes Handeln, das den kommenden Generationen möglichst wenig schadet.

    Ich finde um mich herum immer mehr Hinweise darauf, dass nachhaltiges Handeln langsam wirklich ins Bewusstsein dringt. Hier vielleicht drei Beispiele die mir spontan einfallen:
    – Sogar Discounter versuchen fairtrade Produkte anzubieten. Würden sie nicht Angst haben, dass sonst die Kunden wegbleiben, sie würden es nicht tun.
    – Unser Supermarkt experimentiert gerade mit einer Plastik-freien Frischetheke. Ein Aufwand, den er nicht leisten muss.
    – Gerade am Wochenende hatten wir ein Sommerfest bei dem der Crêpes Stand damit geworben hat, Eier von Hühnern aus Freilaufhaltung zu verwenden. Keiner hat dass verlangt und viele haben es gelesen und alle fanden es gut!

    Ich bin ein Fan von Revolutionen, in denen viele Menschen, viele kleine Schritte gehen und damit Großes vorantreiben. Und ich glaube wirklich, dass hier gerade ganz viel passiert 🙂

    Viele Grüße,
    Hans

    • Hallo Hans,

      vielen lieben Dank für Deinen Kommentar, den ich leider erst gerade entdeckt habe! Es wäre schön, wenn viele Menschen Deine Einstellung teilen würden. Aber da bin ich so optimistisch wie Du: Ich finde auch, dass schon viel passiert. Und mit kleinen Schritten kommt man ja bekanntlich auch ans Ziel 😉

      Herzliche Grüße von Melanie

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